Ein Land(auf)Schwung-Projekt

Industriekultur Tangerhütte

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Ja
Eine Ruine inspiriert zu Visionen - Volksstimme-Interview
24.01.2017 09:41

Redakteur Rudi-Michael Wienecke von der Volksstimme hat mit unserem Vereinsvorsitzenden Dr. Frank Dreihaupt ein Interview zur Industriekultur Tangerhütte geführt. Hier ist das ganze Gespräch zu lesen (mit bestem Dank an Herrn Wienecke für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf dieser Seite):

Eine Ruine inspiriert zu Visionen

Für die einen sind die Ruinen in der Tangerhütter Industriestraße schlicht ein Schandfleck, andere sehen darin immerhin noch ein Industriedenkmal. Dann gibt es noch die Mitglieder im Verein "Aus einem Guss". Diese wollen die Zeugen der Tangerhütter Industriegeschichte nicht nur erhalten, sie wollen sie wieder nutzbar machen. Für die Volksstimme sprach Rudi-Michael Wienecke mit dem Vereinsvorsitzenden Frank Dreihaupt über die Visionen.

Volksstimme: Herr Dreihaupt, Der Fotodesigner Yakup Zeyrek reiste aus dem 600 Kilometer entfernten Stuttgart an, um einen halben Tag lang in Tangerhütte eine zusammenfallende Industrieruine zu fotografieren. Wie viel musste ihr Verein dafür zahlen?

Frank Dreihaupt (lacht): Nichts. Er kam auf uns zu. Yakup Zeyrek arbeitete ja nicht für uns, sondern für sich. Er plant eine bundesweite Wanderausstellung zum Thema alte Industrieanlagen. Tangerhütte wird also bekannt.

Welchen Eindruck hatte Zeyrek von der Industriebrache?

Er ist ein Künstler, sieht so etwas mit anderen Augen als die meisten. Als er die Fassade der Gießerei sah, war er begeistert. Das steigerte sich, als ich ihm den Rest zeigte. Wie wir als Verein ist auch er der Meinung, dass dieses in Deutschland wohl einmalige Ensemble erhalten bleiben muss. Park, darin zwei Schlösser, Wasserfall, Mausoleum und Industrieanlagen auf so engstem Raum findet man nicht wieder. Besonders angetan war er vom Kunstgusspavillon und seiner Geschichte. Er war baff, dass wir das nicht vermarkten.

Warum geschieht das nicht?

Das wurde in der Vergangenheit wirklich vernachlässigt. Das wollen wir aber ändern, deshalb hat sich der Verein „Aus einem Guss“ vor zwei Jahren wieder reaktiviert.

Was ist geplant?

Erst einmal brauchen wir ein Konzept, was aus dem Industriedenkmal werden könnte. Das Geld für die Machbarkeitsstudie haben wir. 40000 Euro gab es dafür aus dem Bundesmodellvorhaben Landaufschwung, 10000 schießen wir an Eigenmitteln zu. Mitte des Jahres kann das Konzept vorliegen.

Es muss doch aber schon Vorstellungen geben, was hinter der Fassade entstehen könnte.

Natürlich. Favorisiert wird, grob gesagt, eine Veranstaltungshalle. Mit Jan Bauditz und Volker Herger haben wir zwei Vereinsmitglieder, die Erfahrungen mitbringen. Der Verein bereit eine Machbarkeitsstudie vor.

Welche Erfahrungen haben beide mit Ruinen?

Volker Herger gehört zu den Initiatoren des Tages der Industriekultur in Sachsen-Anhalt. Jan Bauditz war an der Vorbereitung einer Machbarkeitsstudie des alten Klosters in Weißenfels dabei. Das wurde zu DDR-Zeiten als Volkspolizeikreisamt genutzt, stand nach der Wende leer. Nun soll dort das deutsche Chorzentrum entstehen.

Was sind Ihre nächsten Schritte?

Als erstes muss aufgeräumt werden. Dann muss ein Dach darüber. Wichtig ist, dass die historische Bauelemente wie Fenster und Säulen erhalten bleiben. Das macht den Reiz aus. Anschließend hätten wir schon Örtlichkeiten für Freiluftveranstaltungen wie Konzerte oder Märkte. Dann kann es weiter gehen, mit Gastronomie, eventuell Übernachtungsmöglichkeiten. Das muss sich im Laufe der Zeit aus den Gegebenheiten heraus entwickeln. Ganz wichtig ist, dass wir eine überregionale Ausstrahlung erreichen. Von der Region allein kann ein solches Projekt nicht leben.

Und wer soll das ganze bezahlen?

(lacht) Am liebsten wäre mir die reiche Erbtante aus Amerika. Die haben wir aber nicht. Mit einem schlüssigen Konzept und der noch zu suchenden Rechtsform können durchaus verschiedene Fördermöglichkeiten genutzt werden. Natürlich brauchen wir auch private Geldgeber, die sich von der Investition in ein solches Unternehmen auch etwas versprechen.

Davon gibt es in der Region nicht viele.

Die Investoren müssen ja nicht unbedingt aus der unmittelbaren Umgebung kommen. Außerdem: Unterschätzen Sie die eigenen Potenziale nicht! Selbst unter unseren derzeit 14 Mitgliedern gibt es einige sehr erfolgreiche Unternehmer, die unter Umständen bereit wären zu investieren und ihre Erfahrungen mit einbringen könnten.

Wie viel Zeit wird vergehen, bis dieses Projekt umgesetzt ist?

(lacht) Wenn sich die reiche Erbtante doch noch meldet schaffen wir das in fünf Jahren. Realistischer sind aber zehn Jahre.

Einige Stadträte sträuben sich gegen Ihre Pläne, sehen darin ein Konkurrenzprojekt zum Kulturhaus...

Nun kommen Sie mir doch nicht mit dem Kulturhaus. Dagegen haben wir doch gar nichts. Im Gegenteil, wenn wir das Kulturhaus nicht hätten, gebe es schon jetzt keinen Veranstaltungsort in der Stadt. Was wir hier machen wollen ist was vollkommen anderes.

Woher kommt dann die Ablehnung im Stadtrat?

Sie müssen erst einmal differenzieren. Es sind ja nicht alle dagegen. Von vielen erhalten wir auch Zustimmung.

Wie erklären Sie sich die Ablehnung?

Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Schließlich wollen wir die Geschichte der Stadt bewahren. Ohne die Hütte am Tanger, die übrigens in diesem Jahr ihr 175-jähriges Gründungsjubiläum feiert, gäbe es heute nicht Tangerhütte sondern immer noch das Dorf Vaethen. Da muss unser Anliegen doch im Interesse aller Tangerhütter und besonders der Räte sein.

Fürchtet man vielleicht, dass sich dieses Projekt für die Stadt zum Fass ohne Boden entwickeln könnte?

Es war noch nie die Rede davon, dass wir kommunales Geld in die Hand nehmen wollen. Ich bin selber Stadtrat und kennen die desolate Finanzsituation der Kommune. Mit städtischen Geldern können wir nicht rechnen und rechnen auch nicht damit. Zufrieden wären wir schon mit mehr Rückenhalt. Nehmen Sie nur das oben genannte Beispiel Weißenfels mit diesem bundesweiten Chorzentrum. Da steht der Stadtrat geschlossen dahinter.

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