Ein Land(auf)Schwung-Projekt

Industriekultur Tangerhütte

Stadt und Hütte

Ohne das Eisenwerk gäbe es die Stadt Tangerhütte nicht. Als 1842 bei Vaethen der Aufbau der Hütte beginnt, leben dort 345 Menschen. Durch das Werk entwickelt sich das Bauerndorf innerhalb weniger Jahre zu einem wirtschaftlichen Zentrum. Arbeiter ziehen nach Vaethen, gründen Familien. Sie benötigen Häuser, Versorgung, Dienstleistungen. Handwerker siedeln sich an, Händler eröffnen Läden. 1847 wird die Eisenbahnstrecke Magdeburg-Wittenberge gebaut. 1859 bekommt Vaethen/Tangerhütte eine eigene Bahnstation mit Anschlussgleis direkt ins Werk, 1880 einen Bahnhof. Zur Jahrhundertwende hat der Ort 4436 Einwohner und das Eisenhüttenwerk 1582 Beschäftigte. 1905 entsteht das Rathaus, 1909 die Wilhelm-Wundt-Schule. Die Industrie gibt auch den Ausschlag für den Bau eines Gaswerkes 1907 und für die Elektrifizierung 1926/27. 1928 verschwindet der Doppelname: Der Ort heißt nun nach der Hütte. 1935 erhält Tangerhütte das Stadtrecht. Zu diesem Zeitpunkt hat die Stadt etwa 6000 Einwohner.

Gründungsjahre

Der Königlich Hannoversche Hüttenbeamte Friedrich Adolph Kayser initiiert 1841 die Gründung einer Eisenhütte am Tanger. Mit der Magnetnadel stellt er ausgedehnte Ablagerungen von Raseneisenstein dicht unter der Oberfläche fest. Kayser bringt die Sachkenntnis mit, die Magdeburger Kaufleute Christian Albert Helmecke und Johann Jacob Wagenführ das Geld. Als „Kayser et Compagnie“ beginnen sie 1842 den Aufbau der Tangerhütte. In den ersten beiden Jahren entstehen u. a. ein Bürogebäude, ein Hochofen, ein Maschinen- und Kesselhaus, Gießerei, Tischlerei, Schlosserei und Modellierstube. Am 6.3.1844 fließt das erste Eisen aus dem Hochofen. 1849 beginnt der Emaillierbetrieb. In den ersten Jahren hat das Eisenhüttenwerk keinen leichten Stand. Das Raseneisenerz aus den 36 Gruben in der Umgebung ergibt nur minderwertiges Eisen, Veredlungsversuche misslingen. 1850 wird der Abbau eingestellt. Das Werk leidet unter Absatz- und Finanzschwierigkeiten. Am 17.7.1851 übernimmt Johann Jacob Wagenführ die Tangerhütte als alleiniger Eigentümer.

Weltruhm

Als „Eisenhütten und Emaillierwerk Tangerhütte“ erlangt das Unternehmen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Weltruhm. Der Sohn des Firmengründers, Johann Jacob Carl Franz Wagenführ, setzt nicht mehr auf das minderwertige einheimische Raseneisenerz. Er kauft Roheisen aus England, Schottland, Schweden, Westfalen und Luxemburg ein. Ab 1865 bleibt der Hochofen kalt. Die Tangerhütte wird zu einer reinen Handels- und Kundengießerei. Ihr breit gefächertes Sortiment reicht vom Kochtopf über Öfen aller Art bis zu schwerem Bau- und Maschinenguss, vom Kunstguss-Kandelaber bis zur kompletten Pferdestallausrüstung. Insbesondere die geschmackvollen emaillierten Kochgeschirre gehen in den Export. Zeitweise unterhält das Werk 14 Inlands- und 11 Auslandsvertretungen, darunter in Ägypten und Australien. Auf der Weltausstellung 1889 in Paris beeindruckt es mit einem Kunstgusspavillon aus 441 Einzelteilen. Er steht heute im Gartenträume-Park in Tangerhütte. Der Aufschwung ist mit bedeutenden Betriebserweiterungen verbunden. Zwischen 1896 und 1916 entstehen u. a. drei Großgießereien, ein Holzsägewerk, eine Zementgießerei und ein Emaillierwerk.

Wendepunkte

In zwei Weltkriegen produziert das Eisenhütten- und Emaillierwerk Tangerhütte für die Rüstung. Von 1914 bis 1918 werden im Auftrag des Kaiserreiches Kanonen- und Haubitzengranaten gegossen. Im zweiten Weltkrieg steht der Kundenguss für die Kriegsindustrie im Vordergrund. Während das Werk 1918 unbeschadet an die Vorkriegszeit anknüpft, ändern sich nach 1945 die gesellschaftlichen Verhältnisse. In der Nacht zum 1. Juli 1945 rückt die sowjetische Armee in Tangerhütte ein. Besitzer Johann Jacob Robert Franz Wagenführ, der Enkel des Hüttengründers, verlässt mit den abziehenden westlichen Besatzungstruppen die Stadt. 1946 wird das Eisenwerk Tangerhütte in Volkseigentum umgewandelt. Der VEB Eisenwerk „1. Mai“ Tangerhütte spezialisiert sich auf Rohre für den Wärmeaustausch und auf Armaturenguss. Erzeugnisse aus Tangerhütte gehen auch ins so genannte „nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet“, u. a. nach Finnland und Westdeutschland. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wird der Betrieb in den 1990er-Jahren wieder privatisiert.

Heute

An der Industriestraße stehen noch einige historisch bedeutsame Gebäude aus der Gründungszeit und den frühen Jahren des Eisenwerkes. Die Gießerei I von 1896 prägt mit ihrer zeittypischen Schaufassade aus Backstein das Bild. Das Baudenkmal ist durch jahrzehntelangen Verfall erheblich geschädigt. Erhalten sind u. a. auch der zeitgleich errichtete Komplex für die Modelltischlereien, das erste Bürogebäude von 1842 (umgebaut 1871 und 1909) und verschiedene Wohnhäuser für die Belegschaft. Im modernen Teil des Industriekomplexes lebt „die Hütte“ weiter. Damals wie heute ist sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Nachfolger der traditionsreichen Eisengießerei Tangerhütte wurde 2002 die TechnoGuss Tangerhütte und nach einem Gesellschafterwechsel 2015 die TechnoGuss GmbH. Die Produkte der Gießerei am Tanger sind noch immer im In- und Ausland gefragt: von der Seiltrommel für den größten Teleskopkran auf dem deutschen Markt bis zum Armaturengussstück im Wolkenkratzer Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt in Dubai.